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Der weise Vater

MärchenWirkstatt
Herausgegeben von in Märchen ·
Ein russisches (tatarisches) Märchen
Vor langer Zeit soll ein Padischah gelebt haben, der sehr grausam war, namentlich alte Menschen waren ihm verhasst. So befahl er, jeden zu töten, der siebzig Jahre alt geworden war.
»Alte Menschen sind sowieso unnütz«, sprach der Padischah erbarmungslos.
In der Hauptstadt des Padischahs lebte damals ein Jüngling, dessen Vater siebzig Jahre zählte. Der Jüngling liebte seinen Vater und verbarg ihn, damit die Schergen ihn nicht ergriffen und umbrachten. Er achtete darauf, dass kein Mensch den alten Mann zu Augen bekam. Allabendlich suchte der Jüngling seinen alten Vater auf und erzählte ihm, was sich tagsüber ereignet, was er gesehen und gehört hatte.
Einmal besuchte der Jüngling seinen Vater, und der fragte ihn:
»Was gibt es Neues auf der Welt, mein Junge?«
»Heute Nachmittag«, begann der Jüngling, »begab sich der Padischah mit seinen Wesiren ans Flussufer und sah auf dem Grund des Flusses einen Edelstein schimmern. Er befahl, ihn heraufzuholen. Sogleich sprangen mehrere Taucher ins Wasser, fanden jedoch keinen Stein, als sie aber wieder emporkamen, erblickten sie den Edelstein, der nach wie vor auf dem Flussgrund funkelte. Weder der Padischah noch seine Wesire wissen, wo der Stein liegt.«
»Sag, Söhnchen, steht vielleicht ein Baum am Ufer?« fragte der Alte.
»Jawohl. Seine Zweige neigen sich gerade an der Stelle über das Wasser, wo der Padischah den Edelstein zu sehen glaubt«, antwortete der Jüngling.
»Nisten vielleicht Vögel auf diesem Baum?« wollte der Alte nun wissen.
»Ja.«
»Dann höre, was ich dir zu sagen habe. Der Edelstein liegt nicht auf dem Flussgrund, sondern im Nest dieser Vögel, und nur sein Abglanz funkelt im Wasser«, erklärte er Alte bestimmt.
Am nächsten Morgen versammelte der Padischah seine Wesire wieder am Flussufer und sah erneut den Edelstein aus dem Wasser hervorleuchten. Wieder ließ er nach dem Stein suchen - und wieder ergebnislos. Die Wesire standen herum und wussten nicht, was sie von der Sache halten sollten. Da trat der Jüngling zum Padischah, verneigte sich und sprach:
»O großmächtiger Padischah, gestatte mir, das Wort an dich zu richten. Den Edelstein braucht ihr nicht im Wasser zu suchen. Siehst du den Baum? Auf diesem Baum ist ein Nest, und im Nest liegt der Stein. Dort musst du suchen lassen.«
Der Padischah brauchte bloß die eine Braue zu heben, schon stürzten die Wesire zum Baum und brachten sogleich einen Edelstein von der Größe eines Gänseeis herbei. Der Padischah war verblüfft.
»Ihr geltet als gelehrte Männer und seid doch dümmer als dieser Jüngling«, rügte er seine Wesire.
Den Jüngling fragte er:
»Woher weißt du das? Hat dir das jemand erzählt?« »Nein, ich habe es selbst erraten«, antwortete der Jüngling.
Fortan nährten die Wesire Groll gegen den Jüngling. Und das war nur zu verständlich hatte er sie doch vor dem Padischah mit Schande bedeckt. Darum trachteten sie dem Jüngling nach dem Leben. Sie kamen zum Padischah und sagten:
»Dieser Prahler rühmt sich, er könne alles auf der Welt raten. Gestatte, o Padischah, dass wir ihm zwei Hengste zeigen, die beide gleich aussehen. Soll er erraten, ohne sich ihnen zu nähern, welcher der beiden Hengste jung und welcher alt ist.«
»Es sei«, willigte der Padischah ein.
Er ließ den Jüngling zu sich kommen und sprach:
»Stell dich morgen ein, wir zeigen dir zwei Hengste, und du sollst erraten, welcher jung und welcher alt ist.«
Der Jüngling verneigte sich und kehrte betrübt heim. Zu Hause angelangt, ging er zum Vater und setzte sich wortlos zu dessen Füßen.
»Worüber grübelst du, mein Sohn?« fragte der Alte.
»Vater, du hattest recht mit dem Edelstein, er befand sich tatsächlich im Vogelnest! Aber nun hat der der Padischah eine neue Aufgabe gestellt.«
Der Jüngling erzählte von der Prüfung, die ihm am nächsten Tag bevorstand.
»Gräme dich nicht, mein Sohn! Diese Aufgabe ist leicht gelöst«, tröstete ihn der Alte. »Wenn du beim Padischah bist und die Hengste herbeigeführt werden, sieh dir ihre Gangart genau an: Der junge Hengst wird bei jedem Schritt stampfen und tänzeln, der alte dagegen bloß den Kopf schütteln und hinter dem jungen hertraben.«
Am nächsten Morgen fand sich der Jüngling im Palasthof ein. Nach einer Weile kam auch der Padischah mit seinen Wesiren. Der Padischah. hob die Hand, sogleich wurden zwei Hengste herbeigeführt, die sich glichen wie ein Ei dem anderen. Der eine stampfte und tänzelte, der andere lief in ruhigem Schritt und schüttelte bloß die Mähne.
»Dieser Hengst ist jung und der da alt«, erklärte der Jüngling bestimmt.
Kaum hatte er diese Aufgabe gelöst, als die Wesire ihm eine neue stellten. Sie ließen zwei gleiche Holzblöcke abhobeln, und der Jüngling sollte erraten, welcher vom oberen und welcher vom unteren Teil des Baumstammes abgesägt sei.
Niedergeschlagen kehrte der Jüngling heim und erzählte dem Vater von der neuen Aufgabe.
»Sei nicht traurig, mein Sohn«, sprach ihm der Vater Mut zu, »es ist nicht schwer, die Aufgabe zu lösen. Lass beide Klötze ins Wasser legen, und sieh genau hin: Der Klotz vom oberen Stammteil schwimmt ganz auf, der vom Baumschaft dagegen bleibt zur Hälfte unter Wasser.«
Am nächsten Morgen ging der Jüngling zum vereinbarten Platz, wo bereits zwei gleiche Holzklötze lagen. Der Padischah sagte dem Jüngling:
»Da siehst du zwei Klötze, und nun sollst du bestimmen, ohne sie zu berühren, welcher aus dem oberen und welcher aus dem unteren Teil des Baumes herausgesagt ist.«
»Werft beide Klötze ins Wasser«, verlangte der Jüngling. Das wurde getan. Sogleich schwamm der eine auf, während der andere zur Hälfte unter Wasser blieb.
»Der ist vom oberen und der ist vom unteren Teil des Baums«, erklärte der Jüngling entschieden.
Da verwunderte sich der Padischah und fragte:
»Wer hat dir das beigebracht?«
»Das habe ich selbst erraten«, antwortete der Jüngling.
»Du bist viel zu jung und unerfahren, um alles zu wissen«, entgegnete der Padischah. »Sprich die Wahrheit, wer hat dir das beigebracht? Wenn du es nicht sagst, lasse ich dich hinrichten!«
Was immer kommt, ich bekenne die Wahrheit, beschloss er Jüngling und gestand:
»Mein Vater hat mir das beigebracht. Er ist siebzig Jahre alt geworden, und ich verberge ihn, um ihm das Leben zu erhalten.«
»Das heißt, dass auch alte Menschen nützlich und zu gebrauchen sind«, sprach der Padischah und hob seinen grausamen Befehl auf.
[Das Buch aus reinem Silber – Eine russische Märchenreise vom Amur bis zur Wolga,
Hrsg. Prof. Viktor Gazak, Bastei Lübbe 11359]


Das Froschmädchen

MärchenWirkstatt
Herausgegeben von in Märchen ·
Märchen aus Albanien
Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die waren schon alt und hatten kein Kind. Sie beteten immer zu Gott, er möge ihnen doch ein Kind schenken. Schließlich gingen sie auf eine Wallfahrt und wieder baten sie um ein Kind, selbst wenn es ein Frosch sei.
Sie kehrten nach Hause zurück, und nach neun Monaten wurde ihnen ein Kind geboren – aber was für eins? Ein Frosch!
Aber sie waren zufriedener damit, als wenn sie gar keins gehabt hätten.
Der Frosch hielt sich immer im Weinberg auf und kam nur selten nach Hause. Der Vater arbeitete im Weinberg, und seine Frau brachte ihm jeden Tag sein Mittagessen dorthin.
Aber da sie schon alt war, fing sie eines Tages an zu klagen: „Ach, meine Füße wolle nicht mehr! Ich kann dir das Essen nicht mehr bringen!“
Da kam das Froschmädchen von draußen herein – es war nun schon vierzehn Jahre alt – und sagte: „Liebste Mutter, ich sehe wohl, ihr könnt dem Vater das Essen nicht mehr bringen. Gebt es mir, ich gehe damit.“
„Ach, meine liebe Tochter, das wird dir schwer ankommen. Wie könntest du das Essen bringen? Du hast ja keine Hände, den Topf zu tragen!“
„Ich kann ihn tragen“, antwortete der Frosch. „Setz mir nur den Topf auf den Rücken und binde ihn mir an den Beinen fest. Und dann sei unbesorgt!“
„Nun, so versuche, ob du es kannst.“ Und die Mutter tat, wie es ihr die Tochter gesagt hatte.
Das Froschmädchen trug ihre Last den staubigen Weg entlang. Als sie aber an das Gitter des Weinbergs kam, wo der Vater arbeitete, konnte sie es nicht öffnen und auch nicht hinüber steigen. Da rief das Froschmädchen seinen Vater, der kam, nahm ihr den Topf ab und aß.
Da sagte das Froschmädchen: „Vater, setz mich doch auf den Kirschbaum!“ Der Vater hob sie auf den Baum, und der Frosch fing an zu singen, so schön – nein, so schön -, dass man meinen könnte, die Elfen sängen dort.
Da kam ein Königssohn vorüber, der war auf die Jagd geritten. Er lauschte lange dem Gesang, und als nichts mehr zu hören war, ging er zu dem Alten und fragte: „Alter, wer singt so schön?“ Der Alte antwortete: „Ich weiß es nicht. Ich habe nichts gesehen und gehört. Nur die Krähen flogen vorüber.“ „Aber sagt mir doch, wer es ist! Wenn es ein Mann ist, soll er mein Kamerad sein. Ist es ein Mädchen, so soll es meine Liebste werden.“ Doch der Alte schämte und scheute sich und wollte nichts sagen.
Am anderen Tage brachte das Froschmädchen wieder dem Vater das Mittagessen. Er setzte es auch wieder auf den Kirschbaum, und der Frosch fing wieder an zu singen, dass das ganze Tal widerhallte.
Der Königssohn war auch wieder auf die Jagd geritten, vor allem aber war er gekommen, um zu hören, wer da sang. Wie nun der Königssohn den Gesang hörte, lauschte er, und als das Froschmädchen aufgehört hatte zu singen, ging er wiederum zu dem Alten und fragte: „Sagt mir doch, wer da singt!“ Der Alte antwortete: „Ich weiß es nicht. Ich habe nichts gesehen noch gehört. Die Krähen flogen vorüber.“ „Aber der Gesang ergreift mir das Herz! Ihr wisst es sicherlich, Alter, wer da singt. Wenn es ein Mann ist, soll er mein Kamerad sein. Ist es ein Mädchen, so soll es meine Liebste werden!“ Da antwortete der Alte: „Ich möchte es wohl sagen, aber ich schäme mich – und Euch wird es auch verdrießen.“
„Habt nur keine Angst, erzählt es mir“, bat der Königssohn.
Da erzählte der Alte ihm: „Der da singt, ist ein Frosch! Und es ist meine Tochter!“
„Nun, so sag ihr, dass sie herabkommen soll.“
Da kam das Froschmädchen herab und hub noch einmal zu singen an. Dem Königssohn hüpfte das Herz vor Vergnügen und er bat: „So sei du mein Liebchen! Morgen kommen die Bräute meiner Brüder in den Palast. Und demjenigen, dessen Braut die schönste Rose mitbringt, will der König sein ganzes Reich geben. Geh du als meine Liebste dorthin und bringe dem König eine Rose, wie du sie ausgesucht hast!“ Das Froschmädchen antwortete: „Ich werde kommen, wie du es wünscht. Du musst mir aber vom Hofe den weißen Hahn schicken, auf dem will ich reiten.“
Da ritt der Königssohn zurück und schickte vom Hofe den weißen Hahn. Das Mädchen aber ging zur Sonne und bat um Sonnenkleider.
Am nächsten Morgen bestieg das Froschmädchen den weißen Hahn und nahm die Sonnenkleider mit. So ritt sie zur Königsstadt. Als aber ein Frosch auf einem Hahn an die Stadtwache kam, wollte diese sie nicht hereinlassen. Das Froschmädchen aber sagte, es wolle sich beim Königssohn beklagen! Da öffnete man das Tor.
Sowie sie die Stadt betreten hatten, verwandelte sich der Hahn in eine weiße Elfe. Aus dem Frosch aber wurde das schönste Mädchen von der Welt. Es zog seine Sonnenkleider an und trug in der Hand als Blüte eine Weizenähre. So schritt es zum Königspalast.
Da kam der König zu der Braut seines ältesten Sohnes. Sie zeigte ihm eine wunderschöne Rose. Darauf ging er zu der Braut des anderen Sohnes, sie zeigte ihm eine Nelke. Dann wandte er sich zu der Braut des jüngsten Sohnes, sah die Weizenähre und sagte: „ Du hast uns die schönste und zugleich die nützlichste Rose gebracht. Ich sehe, du weißt, dass man ohne Weizen nicht leben kann – und dass du zu wirtschaften verstehst. Was sollen uns andere Rosen und Gepränge? Werde du die Frau meines jüngsten Sohnes, dessen Liebste du warst. Ihm will ich mein Königreich hinterlassen.“ Und so wurde das Froschmädchen eine Königin.


Bibon und Sigwan oder Winter und Frühling

MärchenWirkstatt
Herausgegeben von in Märchen ·
Märchen der Indianer (Nordamerika)
Es war Winter. Überall war es tot und öde, und das einzige, was man hörte, war der Nordwind, der die Bäume schüttelte und den Schnee vor sich hertrieb.
Am Ufer eines zugefrorenen Flusses stand ein halb zerfallener Wigwam, aus dem nur noch wenig Rauch aufstieg, denn der Greis, der ihn bewohnte, war so schwach und erschöpft, dass er sich die Schneeschuhe nicht mehr fest binden konnte, viel weniger, dass er imstande war, einen Baum umzuhauen und ihn heimzuschleppen.
Als seine letzten Kohlen am Verlöschen waren und er seiner baldigen Erstarrung entgegensah, ging plötzlich die Tür seiner Hütte auf, und ein junger Mann hüpfte leicht wie eine Feder herein. Seine Wangen strahlten von Jugendfülle und Jugendkraft; aus seinen Augen funkelte allbeglückende Liebe, und seine Lippen umspielte ein unschuldiges Lächeln. Seine Stirn umgab ein lieblicher Kranz von frischem Waldgras, und in jeder Hand hielt er einen duftenden Strauß frischer Frühlingsblumen. Alle seine Bewegungen waren tanzend.
"O du guter, schöner Fremdling", sagte der Greis, "setze dich eine Weile zu mir, und erzähle mir von dem fernen Land, aus dem du kommst. Lass uns die Nacht zusammenbleiben, und ich werde dich auch mit dem Geheimnis unterhalten, in dem meine Kraft besteht."
Darauf stopfte er dem Jüngling seine beste Pfeife, und die Unterhaltung begann.
"Wenn ich atme", sagte der Alte, "stehen Bäche und Flüsse still, und ihr Wasser wird so hart und rein wie Kristall."
"Der Hauch meines Mundes macht Berge und Täler grün", erwiderte der Jüngling. "Wenn ich meine weißen Locken schüttle, so deckt Schnee das ganze Land, und alle Blätter fallen von den Bäumen. Mein Atem treibt die Vögel in ein fremdes Land, die wilden Raubtiere verbergen sich vor ihm, und die Erde wird so hart wie Feuerstein."
"Doch wenn ich, Großvater, meine Locken schüttle, so ergießt sich ein belebender Regen auf die Erde; die Pflanzen strecken ihre zarten Köpflein heraus und sehen so munter drein wie unschuldige Kinderaugen. Mein Ruf bringt die Vögel wieder zurück; mein Atem taut Bäche und Ströme auf, und wohin du dann siehst, erblickst du die reinste Freude."
Der Alte schwieg. Allmählich ging die Sonne auf und verbreitete eine angenehme Wärme. Rotkehlchen und Blaumeise sangen, die Flüsse erwachten aus ihrer winterlichen Erstarrung, und Blumen und Kräuter schössen lustig aus der weichen Erde empor.
Der Tag zeigte den wahren Charakter des Greises vollständig; denn als ihn der Jüngling aufmerksam betrachtete, hatte er nur das eisige Bild Bibons vor sich. Seine Augen tropften; er wurde immer kleiner und kleiner, bis er sich zuletzt ganz und gar auflöste. Auf seinem Feuerplatz erblühte die weiße Miskodid (Claytonia virginica, die Lenzschönheit), eine kleine Blume, die man gewöhnlich an der Grenze der kalten Zone erblickt.
Quelle: Karl Knortz,
Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas, Jena 1871, Nr. 32


Die Königstochter und der Frosch

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Herausgegeben von in Märchen ·
Märchen aus Estland
In alter Zeit lebte einmal in einem fernen Lande ein König, der hatte eine bildschöne Tochter. Die spielte einmal an einem wunderschönen Tage im Walde unter einer großen Eiche an einer silbernen Quelle mit einem goldenen Apfel. Auf die lustigen Wellen schauend, warf sie ihren Apfel in die Luft und fing ihn beim Zurückfallen mit der Hand auf. Aber einmal machte ihre Hand einen Fehlgriff, und der Apfel fiel in die Quelle und verschwand im selben Augenblick aus ihren Augen. Die Not und das Unglück waren groß, und sie fing in ihrer kindlicher Kummer an zu weinen.
Da erschien vom Quellengrund ein Frosch auf der Oberfläche des Wassers und fragte mit freundlicher Stimme: "Was weinst du, Königstochter?" Sie seufzte und erzählte von ihrem Unglück und sagte: "Hole mir den Apfel wieder zurück, er ist mir sehr lieb, ich gebe dir, wenn nötig, ein halbes Königreich!" Der Frosch aber antwortete: "Wenn Sie mir erlauben, bei Ihnen zu schlafen, dann erfülle ich Ihren Wunsch, sonst aber nicht." Die Königstochter versprach es, aber dachte bei sich: "Wer wird denn einen Frosch zu sich nehmen und dann noch mit ihm zusammen schlafen!"
Bald kam der Frosch auf die Oberfläche, holte den Apfel hervor und gab ihn der Königstochter. Sie nahm den Apfel an, lief weg und schaute nicht mehr zurück, obwohl der Frosch ihr nachschrie: "Königstochter, nimm mich mit!" Wie gesagt, achtete sie gar nicht darauf, sondern eilte nach Hause, und zu Hause angekommen, legte sie sich gleich zur Ruhe ins Bett.
Als sie erwachte, hörte sie den Frosch hinter der Tür rufen: "Königstochter, lass mich herein!" Die Königstochter dachte nicht einmal daran. Da kam der alte König. Er hörte sich die Geschichte von Anfang bis Ende an und sagte zu seiner Tochter: "Hast du das versprochen, dann musst du auch dein Wort halten!" So musste die Königstochter den Frosch zu sich nehmen.
Bald fing die Königstochter an zu essen und hopp! war auch der Frosch auf dem Tisch und verschlang - o Wunder! - den Braten. Die Königstochter ließ es ruhig geschehen. Als sie gegessen hatten, wollte sich die Königstochter wie gewöhnlich nach dem Mittagessen zur Ruhe legen. "Nimm mich auch mit!" rief der Frosch und sprang zu der Königstochter ins Bett. Da ergriff die Königstochter, von einem heftigen Zorn gepackt, den Frosch am Oberschenkel und warf ihn an die Wand, wobei sie sagte: "Jetzt kannst du nicht mehr schlafen, du unverschämter Frosch!"
Im gleichen Augenblick aber fiel von der Wand ein schöner Jüngling auf den Fußboden und stand dann vor der königlichen Jungfrau. Er fiel der Jungfrau um den Hals und dankte ihr für die Errettung, und sie war mit dem Jüngling zufrieden. Am anderen Morgen teilte ein Diener ihnen mit, dass eine goldene Kutsche mit sechs Pferden und vielen Sachen vor der Tür stehe und alle diese Sachen zur Hochzeit des Königssohnes bringe. Kurz gesagt: "Was für eine prächtige Hochzeit wurde das!"
 
Estnische Volkserzählungen, Hrsg. Oskar Loorits
http://de.folklore.ee/publik/loorits/
 


Der Spurendeuter

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Herausgegeben von in Märchen ·
Märchen aus Kasachstan
In der weiten Steppe hütete ein Mann einmal eine Herde Kamele. Eines Morgens fehlte ihm ein Kamel. Es war eines der Lastkamele, die bald allerlei Güter befördern sollten. War es entlaufen, oder hatte man es ihm gestohlen und heimlich entführt? Keine dieser Fragen konnte beantwortet werden. Er bestieg ein Reitkamel und begann in der Umgebung zu suchen. Da holte er in der Steppe einen Mann ein, der auf einem Hengst saß. „Hast du ein Kamel gesehen?" rief der Kamelreiter. „Mir ist ein Kamel entlaufen!" „Wo dein Kamel jetzt ist, kann ich dir nicht sagen, aber gestern sah ich seine Spuren", sagte der Mann auf dem Hengst. „Es kann nicht weit gelaufen sein, denn es ist nicht mehr ganz jung", meinte der Kamelhirte. „Ist dein Kamel auf dem linken Auge blind, und fehlen ihm die Vorderzähne?" ,,Ja, ja, genau das ist mein Kamel! Wo hast du es denn gesehen?" „Gesehen habe ich das Kamel nicht, nur seine Spuren, mein Freund!" beschwichtigte ihn der Mann auf dem Hengst, denn der Kamelhirte hatte sich freudig in seinem Sattel erhoben. „Wenn du weißt, dass ihm die Vorderzähne fehlen, und wenn du gar genau weißt, dass es auf dem linken Auge blind ist, dann hast du das Kamel gestohlen und hast es wohl schon verkauft!" „Ich bin doch kein Dieb!" verteidigte sich der Mann auf dem Hengst. „Das werden wir vor Gericht klären", meinte der Kamelhirte. „Gut", sagte der Mann auf dem Hengst und ritt bereitwillig mit zum Richter. Dort brachte der Kamelhirte seine Klage vor. Der Richter fragte den Mann, der von seinem Hengst gestiegen war, was er zu seiner Verteidigung vorzubringen habe. Der Mann antwortete zum Erstaunen beider: „Auf der einen Seite trug das Kamel einen Sack mit Weizen und auf der anderen ein Fässchen mit Honig!" „Ja, ja, genau, das ist mein Kamel, und er hat es gestohlen!" Der Richter glaubte dies selbst auch schon und fragte nun bohrend den Angeklagten: „Und woher kannst du das alles wissen?" Der Mann mit dem Hengst lachte und sagte gelassen: „Man braucht ja nur die Spuren zu deuten. Wenn bei einer Kamelspur nur rechts am Wege das Gras gefressen ist, dann muss dieses Kamel auf dem linken Auge blind sein. Und wenn in der Mitte immer Büschel mit schmackhaften Disteln stehen bleiben, dann kann es keine Vorderzähne mehr haben!" Da beugte sich der Richter vor und fragte: „Und was ist mit dem Honig und dem Weizen?". „Das ist sehr einfach", sagte der Mann mit dem Hengst, „wenn auf der einen Seite des Weges die Fliegen auf den Honigtropfen sitzen und auf der anderen Seite sich die Spatzen um die Weizenkörner streiten, dann weiß man, dass das Kamel Honig und Weizen geladen hatte!" Der Richter war verblüfft und rief aus: „Das ist richtig!" und sprach den Angeklagten frei. Der Kamelhirte entschuldigte sich bei dem Mann mit dem Hengst und ritt kleinlaut zu seiner Herde zurück.
 
Josef Guter (Hg.), Die schönsten Märchen der Welt, München: Cormoran 1999
 


Juki-onna

MärchenWirkstatt
Herausgegeben von in Märchen ·
 
Märchen aus Japan
Es waren einmal zwei Holzhauer: der eine hieß Nishikaze, dieser war ein älterer Mann, während der andere Teramichi hieß und noch ein Jüngling war. Beide wohnten im gleichen Dorfe und gingen jeden Tag zusammen in den Wald um Holz zu schlagen. Um in den Wald zu gelangen, mußten sie einen großen Fluß passieren, über den eine Fähre eingerichtet war. Als sie eines Tages spät mit ihrer Arbeit fertig waren, wurden sie von einem furchtbaren Schneesturm überrascht; sie eilten zur Fähre, mußten aber zu ihrem großen Schrecken sehen, daß der Fährmann soeben übergesetzt war und sich auf der anderen Seite des reißenden Flusses befand, von der er des rasenden Sturmes wegen vorläufig nicht zurück konnte. Da die Beiden im Freien das Ende des Sturmes nicht abwarten konnten, beschlossen sie in das nahebei befindliche Haus des Fährmanns zu gehen und dort dessen Rückkehr abzuwarten. Gesagt, getan! Im Hause angekommen, warfen sie sich zur Erde, nachdem sie Tür und Fenster wohl verwahrt hatten und lauschten dem Tosen des Sturmes. Der Ältere, ermüdet von des Tages Last und Arbeit, war bald in Schlaf verfallen; aber der Jüngere konnte kein Auge schließen, denn das Heulen, Brausen, Rauschen und Krachen war unheimlich und das Häuschen erzitterte in allen Fugen.
Plötzlich gab es einen fürchterlichen Schlag, als wollte der Sturm das Haus zertrümmern, die Tür sprang auf und ein eisiger Wind mit einer riesigen Schneewolke drang herein. Entsetzt starrte Teramichi auf die Wolke, denn diese bewegte sich auf und ab und nahm endlich menschliche Gestalt an, die Gestalt einer Frau in weißem Gewande und wandte sich zu der Stelle, wo Nishikaze schlief; dort beugte sie sich zu dem Schläfer nieder, ihrem Munde entströmte ein weißer Nebel, der sich auf das Gesicht des Mannes ausbreitete, dann richtete sie sich auf und kam auf Teramichi zu, der, unfähig ein Glied zu rühren, die Augen angstvoll weit geöffnet hielt. Dicht vor ihm angekommen neigte sie sich nahe auf sein Gesicht und sah ihn ein Weilchen ruhig an; dann sprach sie leise, ihre Stimme war wie ein Hauch und ihr Gesicht nahm freundlichere Züge an: »Deinen Kameraden habe ich getötet, wie alles, das in mein Bereich kommt. Auch du solltest sein Los teilen, doch bist du noch kein Mann und hast noch nicht gelebt. Drum sei verschont! Doch diese Schonung wird dir nur so lange Zeit, als du schweigen kannst. Kommt auch nur ein Wort von dem über deine Lippen, was du hier erlebtest, – sei es zu wem es wolle, nicht Vater, nicht Mutter, nicht Weib noch Kind, niemand, hörst du, niemand darf erfahren, was hier geschah, – so treffe ich dich, wo es auch sei! Denke daran!«
Nach diesen Worten schwebte sie langsam empor und verschwand durch die Tür.
Jetzt wich der Bann von dem jungen Manne, er sprang auf, eilte zur Tür und verschloß sie fest. Dann wandte er sich zu seinem Kameraden und rief ihn an; doch dieser rührte sich nicht, er war steif und starr, er war tot, sein Gesicht verklärte ein glückliches Lächeln. Endlich ließ der Sturm nach und der Morgen brach an und der Fährmann, der nun zurückkehrte, fand beide Männer in seinem Häuschen und hielt sie für tot, für erfroren; doch als er sie aufhob, tat Teramichi einen tiefen Seufzer, schlug die Augen auf und kam bald wieder zu sich, während Nishikaze tot blieb und begraben wurde.
Der junge Mann aber ging wieder seinem Berufe nach und wanderte tagtäglich in den Wald, erzählte niemand sein Abenteuer, das er mit der Schneefrau, denn eine solche war es, wie ihm zur Gewißheit wurde, hatte. So gingen zwei Jahre dahin.
Als er eines Abends nach vollbrachtem Tagewerk wieder heimwärts wanderte, begegnete ihm ein junges hübsches Mädchen, das ihm so gefiel, daß er sich in ein Gespräch einließ. Das Mädchen erzählte ihm, daß es Waise sei und zu entfernt wohnenden Verwandten wandern wolle, wo es hoffe aufgenommen zu werden.
Als das Paar nahe dem Dorfe war, in dem Teramichi wohnte, sprach dieser zu dem Mädchen:
 
»Es ist jetzt Abend und kalt und die Wege sind unsicher; komm mit in meine armselige Hütte und nimm teil an dem bescheidenen Mahle, das meine Mutter bereitet hat! Ruhe dich dann aus und so du willst, kannst du morgen früh deine Wanderung fortsetzen!«
Das Mädchen, das sich »Juki« nannte, nahm dies Anerbieten an und begleitete den jungen Mann in sein Haus, wo die Mutter ihm eine freundliche Aufnahme bereitete. Als es sich ausgeruht hatte und am andern Morgen sich wieder auf den Weg machen wollte, bat die Mutter, es möge doch noch einige Tage bleiben und wenn es niemand in der Welt habe, der es erwarte, so möge es bleiben, so lang es wolle und ihr etwas zur Hand gehen, da sie selbst schon alt sei und sich schon längst eine Stütze im Hause gewünscht habe. Da auch Teramichi, der zu dem Mädchen in heißer Liebe entbrannt war, sich den Bitten seiner Mutter anschloß, so schlug es ein und blieb im Hause.
Wie es nun so geht, wenn ein Mann einem Mädchen mit reiner Liebe zugetan, daß das Mädchen schließlich auch Liebe empfindet, so war es auch hier und es dauerte nicht lange Zeit, so hatten sich beide ihre Liebe erklärt und Teramichi und Juki wurden ein Paar.
Juki war stets eine brave Frau und verehrte ihre Schwiegermutter in kindlicher Liebe bis diese starb; dann widmete sie sich nur ihrem Manne und ihren Kindern, von denen sie im Laufe der Jahre ihrem Gatten zehn geschenkt hatte. Die Kinder blühten und gediehen und wuchsen heran; keine Krankheit, kein Unglück störte den Frieden und das Glück dieser Ehe, die jedermann als die beste im ganzen Lande pries.
Als ganz besonderes Wunder aber wurde erwähnt, daß Juki immer jung aussah, immer blühend und in voller Kraft war und man keinerlei Spuren des Alterns bei ihr wahrnehmen konnte. So vergingen die Jahre, als eines Abends im Winter, als das Paar im traulichen Zwiegespräch beisammensaß, wieder einmal ein furchtbarer Schneesturm losbrach. Der Mann erschauerte, indem er seines Erlebnisses in der Hütte des Fährmannes gedachte und sinnend betrachtete er seine Frau, die ihm schöner als je erschien und plötzlich glaubte er in ihrem Gesicht eine Ähnlichkeit mit der Schneefrau zu entdecken, die ihm damals vor vielen Jahren das Leben schenkte. Diese Ähnlichkeit trat immer deutlicher hervor, so daß er den Ausruf nicht zurückhalten konnte: »Nein, du bist schöner!«
 
Juki wurde aufmerksam und fragte, was diese Worte bedeuten sollten; ohne zu zögern, halb im Traum, erzählte er ihr nun sein Abenteuer, das er mit der Schneefrau hatte und schloß seine Erzählung mit den Worten: »Sie war schön, aber geisterhaft schön; du aber bist menschlich, natürlich schön!«
Da erhob sich Juki und erschreckt sah der Mann, wie sie größer und größer wurde, wie ihr Gesicht sich verklärte, die Kleidung sich in lichtes Weiß verwandelte und sie endlich so vor ihm stand, wie damals die Schneefrau. Er stürzte zu Boden, streckte die Arme aus und rief: »Ja du bist es doch, verzeih, verzeih!«
Sie aber schüttelte das Haupt und herrschte ihn an:
»Ja ich bin es! Konntest du den Mund nicht halten, nachdem du solange geschwiegen hast? Ich könnte dich jetzt töten; ein Hauch aus meinem Munde würde deine Glieder erstarren lassen, das wäre die gerechte Strafe, daß du nicht nur dein, sondern auch mein Glück zerstört hast! Denn sieh!« – hier nahm ihre Stimme einen milden Klang an – »als ich dich damals in jener Hütte als blühenden hübschen Jüngling so hilflos vor mir sah, da tatest du mir leid, aber nicht nur leid; ich fühlte den Wunsch in mir, auch einmal Menschenglück zu genießen, anstatt stets zu zerstören. Ja, ich liebte dich und nahte mich dir in menschlicher Gestalt, ich genoß an deiner Seite Jahre ungetrübten Glücks. Jetzt hast du es selbst zerstört und ich muß zurück in mein kaltes Reich und du? – Ich gedenke des Glücks, das ich genossen und der armen dort ruhenden Kinder, denen ich neben der Mutter nicht auch den Vater rauben will. Mögest du drum leben; bleibe den Kindern ein guter Vater und suche dadurch dein heutiges Unrecht zu sühnen!«
Damit drückte sie ihm einen Kuß auf die Stirne, der, obgleich eiskalt, wie Feuer brannte; die Tür sprang auf, ein wirbelnder Schneeschauer durchtobte das Haus und entführte Juki-onna, den Mann einsam zurücklassend.
Von diesem Tage an blieb er, der sonst stets heiter und guter Dinge war, ernst und kein fröhliches Wort kam mehr über seine Lippen; er lebte nur seinen Kindern, zog sie zu tüchtigen, braven Menschen auf und als nach vielen Jahren wieder einmal ein Schneesturm brauste, nahm dieser die Seele des Mannes mit und führte sie seiner »Juki-onna« zu.
Die Leute aber sagten, als sie ihn am andern Morgen tot fanden, er sei erfroren.
 


Vom Büffel, der nur ein Horn hatte

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Herausgegeben von in Märchen ·
Märchen der Uiguren
Hoch oben im Gebirge lebte einst ein Junge. Er hatte keine Eltern und keine Verwandten mehr. Er wohnte allein in einer Hütte.
Bei der Hütte lag ein kleines Feld, das er mit Reis bepflanzte. Eines Tages - es war nach der Ernte, und unten in der Stadt wurde Markt abgehalten - nahm er zwei Bund Reis und stieg von den Bergen ins Tal hinab.
Als er den Reis verkauft hatte, spazierte er noch ein bisschen zwischen den Buden der Händler umher. Er bestaunte die herrlichen Teppiche, die wunderschönen Silberwaren und blieb schließlich vor einem Stand stehen, mit feinen Pinseln, Schüsseln, Farben, Kohlestiften, Tuschen und feinsten Reispapier. Da wünschte er, auch einmal etwas zu malen oder zu zeichnen. Doch die zwei Kupfermünzen die er besaß reichten nicht für Farben und Papier, dachte er. Aber vielleicht bekomme ich dafür ein Stück Zeichenkohle.
Er fragte den Händler und der gab ihm für seine Kupfermünzen zwei Stück Zeichenkohle.
Ungeduldig eilte er nach Hause. Dort riss er ein Blatt vom Bananenbaum und begann zu zeichnen. Dabei fiel ihm ein, wie schön es wäre einen kleinen Büffel zu haben, so einen wie er auf dem Markt gesehen hatte.
Mit der Kohle zeichnete er auf dem Bananenblatt einen Büffel, zuerst ein Kopf, den Körper, ein zotteliges Fell und nun noch die Hörner, er zeichnete eines, aber für das andere war kein Platz mehr auf dem Bananenblatt.
Der Junge war mit seinem Werk zufrieden und hängte es in seiner Hütte auf. Dann drehte er sich um und trat er vor seine Hütte. Er blieb wie erstarrt stehen: Draußen stand ein Büffel, der ihn mit seinen treuen, braunen Augen ansah, und auf der Stirn hatte er nur ein Horn. Der Junge eilte in seine Hütte um sich noch einmal die Zeichnung anzusehen. Doch das Blatt war leer, von der Zeichnung keine Spur.
Da wusste der Junge, dass seine Zeichnung Wirklichkeit geworden war.
Von nun an lebte er glücklich und zufrieden mit seinem neuen Freund. Am Tage arbeiteten sie einträchtig auf dem Feld, und am Abend legten sie sich gemeinsam zur Ruhe und der Junge legte seinen Kopf an den warmen Hals des Büffels.
Eines Tages kamen kaiserliche Soldaten durch die Berge gezogen. Sie hatten Hunger, und als sie den Büffel sahen, riefen sie:" He, seht nur was für prächtiger Büffel, sein Fleisch wird uns bestimmt schmecken." So sehr der Junge auch flehte, die Soldaten ließen sich nicht erweichen, sie fingen, schlachteten und brieten ihn.
Verzweifelt ging der Junge wieder in seine Hütte und weinte. Nach einer Weile hörte er die Soldaten, "hier, das ist von deinem Freund übrig geblieben!" Sie warfen ihm die Knochen und das Büffelhorn vor die Hütte und zogen lachend weiter.
Traurig sammelte er die Knochen ein und begrub sie neben der Hütte, das Horn hängte er an die Wand. Er weinte sich in den Schlaf und erwachte Tränen überströmt. Als er mit seinem Kummer vor die Tür trat, sah er, dass an der Stelle, an der er die Knochen begraben hatte, ein Bäumchen wuchs, das bald einen Stamm bildete und der wuchs und wuchs ohne Unterlass. Täglich ging der Junge zu dem Baum, lehnte seine Wange an den Stamm und lauschte dem Wispern der Blätter. Der Baum wuchs und wuchs, bis seine Spitze in den weißen Wolken verschwand.
"Wie hoch der wohl gewachsen ist", dachte der Junge," ich will einmal nachschauen." Er umschlang den kräftigen Stamm und kletterte daran in die Höhe.
Lange kletterte er, es wurde ihm schwindelig, aber schließlich war er in einer weißen Wolke. Er schob die Wolke zur Seite und da war ein blaues Tor, durch das er in den Himmel schritt. Ach, war es schön dort! Überall dufteten Blumen- und über den blauen Spiegel fuhren Wolkenschiffe mit wunderschönen Feen hin und her. Eine, die gefiel ihm besonders gut. Er schaute ihr nach und plötzlich entdeckte die Fee den Jungen. Sie schrie auf- und im selben Augenblick verschwanden die Feen und der Himmel. Nur die Baumspitze war noch da. Er hielt sich daran fest, der Bambus schwankte, wurde kleiner und kleiner und wuchs zur Erde zurück. Es dauerte nicht lange und der Junge stand wieder vor seiner Hütte und schaute traurig zum Himmel empor.
Ach wie sehnte er sich nach der Fee, die ihn entdeckt hatte, nach ihrem lieblichen Gesicht. Tag und Nacht dachte er an sie und er wünschte sich nichts sehnlichster, als sie zu seiner Frau zu gewinnen.
Doch der Baum war verschwunden, und der Himmel unendlich hoch. Ständig überlegte der Junge, wie er es anstellen könnte noch einmal in den Himmel zu gelangen. Kein Essen schmeckte ihm mehr, kein Schlaf erfrischte ihn. Er saß nur ständig vor der Hütte und schaute sehnsüchtig zum Himmel auf. Eines Nachts erschien ihm im Traum sein alter Freund, der Büffel, lächelte ihn mit seinen weisen Augen an und sprach: "Warum bist du nur so traurig ? Hast du das Zeichnen vergessen? Wenn du die Fee bei dir haben möchtest, dann zeichne sie doch. Wenn dir das Bild gelungen ist, nimm das Horn von der Wand und blas hinein!"
Gleich am Morgen, lief er hinaus und riss ein Bananenblatt ab. Dann ging er in die Hütte und begann zu zeichnen. Zehn Tage saß er in der Hütte, vergaß die Welt um sich und zeichnete und zeichnete, und die Bananenpalmen hatten kaum noch Blätter. Dann schaute ihn die liebliche Gestalt der Fee an. Er nahm das Horn von der Wand, legte es an seine Lippen und blies hinein. Da erbebte die Luft, himmlischer Duft wehte, und die Hütte erstrahlte in einem wunderbaren Licht. Die Fee auf dem Bild bewegte sich, lächelte dem Jungen zu und sprang aus dem Bild. Sie reichte ihm ihre Hände und sprach: "Ich will deine Frau werden. Wir wollen gut zueinander sein und uns unseres Lebens freuen."
Mit jenem Tag zog das Glück in der kleinen Hütte ein, und der Junge hatte keinen Wunsch mehr. Eines Tages aber marschierten die kaiserlichen Soldaten wieder durch die Berge. Als sie an der Hütte vorbeikamen sahen sie die schöne Fee und riefen: "Hey, das ist ja gerade die rechte Braut für unseren Kaiser, die wird ihm gefallen!"
Kein Weinen und kein Klagen rührte die Soldaten, und sie führten die Fee gewaltsam hinweg. Mit wehem Herzen saß der Junge weinend in seiner Hütte. Plötzlich aber hellte sich seine Miene auf. Er sprang auf, holte das letzte Bananenblatt, nahm den Kohlestift und begann zu zeichnen. Er zeichnete einen Tiger, der seine Zähne fletschte, dann bekam der Tiger noch zwei Flügel und der Junge nahm das Büffelhorn von der Wand und blies hinein. Der Tiger sprang aus dem Bild, der Junge auf seinen Rücken, und schon flogen sie zum Kaiserpalast.
Entsetzen packte die Wachen, als sie das wütende Tier heran jagen sahen. Der Tiger fauchte und knurrte und peitschte mit dem Schwanz den Boden. Voll Grauen flohen sie in den Palast und warfen das Tor zu. Doch der Tiger setzte darüber hinweg und drang in den Festsaal ein, wo der Kaiser gerade mit der Fee vermählt werden sollte. Der Tiger brüllte schrecklich, riss seinen fürchterlichen Rachen auf und voller Furcht liefen Kaiser und Hofstaat aus dem Saal. Der Junge griff seine Frau, und der Tiger setzte wieder über das Tor und jagte den fernen Bergen zu.
Als sie die Hütte erreicht hatten, sprangen die beiden jungen Leute von seinem Rücken herab und dankten dem Tiger, der behaglich schnurrte und sich das Fell kraulen ließ.
Seit jener Zeit lebten der Junge und die Fee in Glück und Frieden. Die kaiserlichen Soldaten mieden die Gegend um die Hütte, denn sie hatten Angst vor dem Jungen und seiner Frau und dem Tiger, der wie ein Haustier bei ihnen lebte. Sie bekamen Kinder, Enkelkinder, Urenkelkinder und Ururenkelkinder und das ging immer so weiter, sodass ein ganz neues Volk entstand. Und der alte Geschichtenerzähler hat dieses Märchen weiter erzählt, sodass wir es heute erfahren durften.



Nachbars Weingarten

MärchenWirkstatt
Herausgegeben von in Märchen ·
Märchen aus Turkmenistan
Im Frühling ist's schön, im Winter ist's schön, und im Sommer ist's auch schön, im Herbst aber ist es am schönsten. Im Herbst legt sich die glühende Hitze, im Herbst blühen die Blumen aufs Neue, im Herbst reifen Äpfel und Granatäpfel, Weintrauben und grüne Feigen, Wassermelonen und die golden glänzenden Zuckermelonen.
Just an so einem Herbstmorgen schwang sich Jarty-Gulak auf seinen Maulesel und ritt aufs Feld, um Gras für die Ziege zu mähen. Tag für Tag ging er seiner Mutter in der Wirtschaft zur Hand. Der schmale Pfad führte um den Weingarten des Nachbars herum, was aber kann es Schöneres geben als ein Weingarten im Herbst? Die schweren Trauben zogen die Reben bis zur Erde, und ein sanfter Wind trug ihren würzig süßen Duft aus dem Garten bis an den Weg. "Ach ist das hier herrlich!" rief der Knirps und ritt dicht an den Weingarten heran. So große Beeren hatte er noch niemals im Leben gesehen! Auch schien die liebe Sonne so warm, dass der Knabe gar zu gern im kühlen Schatten verschnauft hätte: Der Weingarten erschien ihm nämlich wie ein dichter undurchdringlicher Wald.
Er sprang von seinem Maulesel und glitt in das grüne Gewölbe der Rebstöcke. Jarty lief das Wasser im Munde zusammen: Wie viele Beeren gab es hier! Wenn ich doch wenigstens ein einziges Beerchen abpflücken könnte, dachte der Kleine bei sich, doch er bedachte, dass dies nicht sein Weingarten war, und blickte lieber gar nicht mehr zu den saftigen Trauben auf. Dann aber dachte er: Der Nachbar hat Tausende und Abertausende Weinbeeren in seinem Garten. Wenn ich eine einzige esse, so ist das für ihn doch kein großer Verlust! Er lief schnurstracks zu einem Rebstock. Später wusste selbst er nicht recht, wie die saftige, bernsteinfarbene durchsichtige Beere in seine Hand geraten war. Doch es war schon zu spät, sich zu besinnen. Er konnte die Beere ja nicht wieder an die Rebe kleben!
Jarty biss also in die Frucht wie in einen großen Apfel, denn die Weinbeere war nur ein wenig kleiner als sein Kopf. Der honigsüße Saft rann an Jartys Fingern herab, die Fruchthaut knackte zwischen seinen Zähnen, und selbst die Nase bekam etwas ab: Sie wurde ganz klebrig von dem süßen Saft. Nachbars Weintrauben waren zu lecker! Plötzlich vernahm Jarty Schritte. Sie kamen näher. Jarty erschrak: Das war der Besitzer, der da kam! Jarty hörte, wie die Schere in den Händen des Weinbauern klirrte. Behutsam schnitt er eine schwere Rebe nach der anderen ab. Der Knabe wusste zwar, dass der Nachbar ihm nicht zürnen würde, dennoch errötete er wie ein Blatt im Herbst und versteckte sich hinter einer großen Traube, die zur Erde gefallen war. Im selben Augenblick sah er die große Hand des Nachbarn vor sich und vernahm eine Stimme aus der Höhe. "Ohje-ohje! Morgen müssen wir die Weinlese beginnen, sonst fault uns gar die Ernte!" Mit diesen Worten hob der Nachbar die zu Boden gefallene Traube auf und legte sie in seinen Korb. Dabei geriet auch der hurtige Jarty-Gulak mit hinein. Er wollte zwar hinausspringen, doch da fiel schon eine zweite und dann eine dritte Rebe auf den Knirps, so dass er nicht mehr unter den Beeren hervorzukrabbeln vermochte. Der Nachbar füllte den Korb, ging zu seinem Häuschen zurück und sang sich ein fröhliches Lied:
 
"Oh Traube, du bist mein Augenschein!
Oh Traube, du schenkst uns den würzigen Wein!
Wirst zu süßem Kischmisch,
Wirst zu leckerem Bekmes,
Denn die Sonne verlieh
Süße und Kräfte dir..."
 
Jarty gefiel des Nachbarn Lied über die Maßen, er konnte sich nicht halten und schrie aus vollem Halse aus dem Korb: "Ach, hab Dank!" Der Nachbar war nicht mehr jung an Jahren, aber er hatte noch nie gehört, dass ein Korb rufen könne. Vor Schreck tat er einen Sprung, als habe eine Giftschlange ihn gebissen, ließ den Korb fallen und rannte in panischer Angst heim. Er trabte schneller als ein Fohlen durch den Weingarten und schrie: "Wai, was für ein Unglück ist uns geschehen! Wai, was für ein Unglück ist uns geschehen! In unseren Weingarten sind böse Geister eingefallen, die Dshine!" Des Nachbarn Weib molk just die Ziege. Als sie ihren Mann mit zerzaustem Bart daher rennen sah, erschrak sie so, dass sie den Melkeimer umstieß. Die Milch floss über die Erde. Der Nachbar aber schrie noch immer wie von Sinnen. Da nahm ihn die Frau bei der Hand und führte ihn ins Haus. "Wie oft habe ich dir gesagt, Mann, dass du bei der Hitze nicht nur die Tjubetejka aufsetzen sollst. Die Sonne hat dir auf den Kopf gebrannt, und nun kannst du nicht mehr Weiß und Schwarz voneinander unterscheiden!" So sprach des Nachbarn Weib, bettete ihren Mann auf eine Decke und wickelte ihm ein feuchtes Handtuch um den Kopf. Doch der Mann redete weiter wie im Fieber und phantasierte von bösen Geistern, den Dshinen, und von einem Korb. Da legte sich die Frau ein großes Tuch um den Kopf und machte sich auf, den Korb zu suchen.
Doch nun höre, was Jarty-Gulak geschah. Als der Nachbar den Korb fallen ließ, rollte Jarty zusammen mit den Weintrauben heraus. Er sprang auf die Füße, zog sich strafend an seinen Zöpfchen und sprach vor sich hin: Ach, Bürschchen, du trägst große Schuld vor dem Nachbarn! Erst hast du von seinen Trauben genascht, ohne zu fragen, und dann hast du den Mann halb zu Tode erschreckt. Nun trag ihm wenigstens den Korb in den Hof! Gesagt, getan. Er packte den Rand des Korbes und zerrte ihn hinter sich her, doch der Korb blieb hängen und Jarty konnte ihn nicht weiterziehen. Da kroch er unter den Korb, hob ihn an und eilte zu des Nachbarn Haus. Nun blieb der Korb nicht mehr am Wurzelwerk und am Gras hängen. Es sah vielmehr aus, als fliege er dicht über dem schmalen Pfad dahin. Das aber machte Jarty-Gulak solchen Spaß, dass er sein Lieblingslied anstimmte:
 
"Ich bin klein aber mutig,
Am stärksten von allen bin ich!
Ich bin klein aber mutig,
Am hurtigsten von allen bin ich!"
 
Just in diesem Augenblick kam des Nachbarn Weib Jarty-Gulak entgegen. Als sie den Korb erblickte, der allein den Weg entlang lief und auch noch ein Liedchen sang, kreischte die Frau, als sei ihr ein böser Geist erschienen. Sie rannte heim, ohne auf den Weg zu achten, stolperte über eine Baumwurzel und stürzte. So lag sie denn und rief nach. Hilfe.
Jarty wäre gern an die Frau herangetreten und hätte sie beruhigt. Doch sein Chalat hatte sich am Korbrand verheddert. So rannte er aufgeregt unter dem Korb hin und her wie eine Zieselmaus in der Falle. Endlich riss er sich los, ein Fetzen seines Chalats blieb am Weidengeflecht des Korbes hängen, aber der Knabe war frei. Aufs Geratewohl eilte er zu der Stelle, wo das Weib noch immer schrie. Er rannte durch das harte Grasgestrüpp, über niedrige Sandhügel und durch das trockene Laub vom Vorjahr. Die trockenen Blätter blieben an seinem vom Beerensaft klebrigen Chalat hängen, an den Blättern klammerten sich Zweiglein und Disteln fest, die Disteln zogen Ästlein aus dem Vorjahr hinter sich her, und alsbald lief nicht mehr Jarty durch den Weingarten, vielmehr wälzte sich ein Furcht erregendes, piekendes, mit Erde und Staub bedecktes Knäuel dahin.
Doch nun höre, was weiter geschah. Die Frau schrie so laut, dass der Sohn ihr Rufen vernahm. Er werkte gerade im Garten und stellte Stützen unter den Reben auf, damit die Zweige unter der Last der Beeren nicht brachen. Als er die lauten Hilferufe der Mutter vernahm, dachte der Jüngling, dass alle Hunde aus dem Aul über sie hergefallen seien, und eilte ihr zu Hilfe. Er sprang über Aryks und über Baumwurzeln. Da rollte ihm miteins ein seltsames Geschöpf aus dem Gestrüpp entgegen - halb Igel, halb Stachelschwein! Dieses Geschöpf schrie: "Rasch! Rasch zu Hilfe!" und verschwand ebenso schnell wieder im Strauchwerk, wie es aufgetaucht war. Der Jüngling erschrak, prallte zurück, glitt aus und stürzte mit voller Wucht in einen Aryk, der schon lange nicht mehr gesäubert worden und deshalb sehr schlammig war.
Doch mag er hier einstweilen liegen bleiben, wir aber wollen sehen, was Jarty-Gulaks Eltern machen.
Die beiden Alten saßen in ihrer Kibitka und zählten das Geld, das sie am Verkauf der Baumwolle verdient hatten. Es war nicht viel. Drum waren sie bald fertig. Der Alte nahm eine Tanga, schob sie in die Tasche seines Chalats und sprach: "Für dieses Geld kaufe ich Jarty eine neue weiße Lammfellmütze." Die Alte nahm eine andere Münze, versteckte sie in ihrem Kopftuch und sagte: "Ich will für unser Jungchen süße Chalwa kaufen. Er hat dir fleißig auf dem Acker geholfen und verdient eine Belohnung." So sprach die Alte und lachte froh. Da rollte miteins ein seltsames Geschöpf in die Kibitka. Es schrie, und Vater und Mutter erkannten alsbald Jarty-Gulaks Stimme: "Ata-dshan! Liebster Vater! Laufe, so rasch du kannst, zu den Nachbarn. Unheil ist über ihr Haus gekommen. Der Nachbar ist krank, sein Weib liegt besinnungslos danieder, und ihr Sohn und Erbe ertrinkt im schlammigen Aryk!"
Der Alte verlor kein Wort. Er warf sich seinen Chalat über, vergaß, wie betagt er war, und lief wie ein junger Dshigit zu des Nachbarn Haus. Natürlich hatte die Alte Jarty-Gulak sofort erkannt. Sie nahm ihn auf den Arm und lamentierte: "Wach! Ein Unglück hat uns heimgesucht, wie ich es noch keines erlebt habe! Mein Jungchen, mein Augenlicht, wo hast du dir nur so deinen neuen Chalat zerrissen? Wieso hast du die hübsche Tjubetejka verloren? Wo hast du dir dein Gesicht wie ein reifes Äpfelchen zerkratzt? Wo hast du deine kleinen Händchen, wie es keine niedlicheren gibt auf der Welt, beschmutzt? Sprich, erzähle deiner Mutter, was ist der Grund für soviel Unheil?" Jarty senkte den Kopf, schwieg lange und bekannte am Ende zögernd: "Ich denke, Edshe-dshan, dass der Grund für all dieses Unheil in einer Weinbeere beschlossen liegt, die ich ohne Erlaubnis in einem fremden Garten gepflückt habe!"
Wir aber sagen: "Süß sind die Weinbeeren, doch nicht, wenn sie auf den Rebstöcken deines Nachbarn gedeihen!"


Der rollende Rindsmagen

MärchenWirkstatt
Herausgegeben von in Märchen ·
Tags: MärchenIsland
Märchen aus Island
Es waren einmal ein König und eine Königin in Gautland; er hieß Ring, sie aber Althrud von Ungerland, und sie hatten eine Tochter, die Signy hieß. Nun starb die Königin, und der König trauerte tief um sie. Einmal aber geschah es, dass ein schönes Weib in die Halle des Königs trat mit einem Becher voll Wein. Sie ging auf den König zu, der aber war so bekümmert, dass er sie gar nicht ansah. Da ließ sie einen Tropfen aus dem Becher auf die Lippen des Königs fallen; davon erwachte er, trank nun, vergaß alsbald seine verstorbene Königin und nahm dieses Weib zur Ehe. Sie nannte sich Asa und sagte, sie sei eine Königstochter aus Halogaland. In Wahrheit aber war sie eine Unholdin, und Signy wollte von ihrer Stiefmutter nichts wissen. Einstmals zog der König auf Heerfahrt; die Königin aber ging inzwischen in schlimmer Verhüllung nach der Kammer der Königstochter und verfluchte sie, dass sie zu einem Magen wie dem eines frisch geschlachteten Rindes werden und niemals von diesem Zauber erlöst werden solle. Aber umgekehrt legte auch die Königstochter auf sie den Fluch, dass sie sofort zur Katze werden und sogleich tot niederfallen solle, wenn der König heimkäme, und sie fügte hinzu, dass Schlangen und Stangen, Gras und Grund sie stechen sollten, wenn  sie ihren Fluch nicht etwas mildere. Da sagte die Alte, sie wisse zu viel und nannte die Milderung, dass, wenn ein Königssohn sie in dieser Verwünschungsgestalt heiraten und zu sich in Bett nehmen wollte, sie dann wieder erlöst sein solle. Signy aber sagte, ihr Fluch solle ewig dauern, wie er auferlegt sei.
Nun wurde sie zu einem Rindsmagen und wälzte sich fort durch viele Länder. In Holmgard war ein junger unverheirateter König, der regierte sein Land gemeinsam mit seiner Mutter. Da war auch ein alter Mann mit seiner Frau, und die hatten ein paar Kühe. Einmal war der Alte draußen, um seine Kühe zu hüten. Da fand er den schrecklichen Rindsmagen, und zu seiner großen Verwunderung redete dieser ihn an. Er bot sich dem Alten als Kuhhirt an, und darauf ging dieser ein. Nun trieb der Magen die Kühe des Alten auf die Wiesen und Acker des Königs und ließ sie diese abweiden. Einmal aber kam der König dazu und schalt den Magen sehr, dass er ihm seine Wiesen verderbe. Der aber wurde grob und meinte, früher habe es Könige gegeben, die hätten größere Wiesen gehabt und seien nicht so geizig gewesen wie er.
Da wurde der König zornig und wollte den Magen erschlagen. Aber seine Füße waren wie festgewurzelt im Boden und er konnte sich nicht losmachen. Da wurde er sehr wütend und hieß den Magen ihn loslassen. Der aber antwortete ihm, er werde nie mehr loskommen, wenn er sich nicht entschließe, ihn zu heiraten und zu sich ins Bett zu nehmen. Und zuletzt musste sich der König zu diesem Versprechen herbeilassen, und der Magen gab ihm zu verstehen, dass, wenn er nicht Wort halte, sein Reich verwüstet werden, er selber aber tot niederfallen solle. Dann machte der Magen den König los und wälzte sich ihm nach in seine Halle. Es wurde Hochzeit gehalten, und die Mutter des Königs brachte den Magen in das goldgeschmückte Bett ihres Sohnes. Dahin kam auch der junge König selbst, und seine Mutter wachte über ihnen beiden. Als sie aber nach einer kleinen Weile wieder hinsah, da lag eine junge Braut in dem Bette des Königs, der schreckliche Magen aber daneben. Den nahm sie und rief ihre Knechte herbei, um ihn zu verbrennen. Der König aber lebte lange mit Signy, und sie erhielten Kinder und Nachkommen.


Der Drachenkönig und der Bambusflötenspieler

MärchenWirkstatt
Herausgegeben von in Märchen ·
 
Märchen aus China
Vor langer, langer Zeit lebte am Fuß des Fünffingerberges ein Mann, der mit großer Fertigkeit und Schönheit auf der Bambusflöte spielen konnte. Die Musik, die er machte, war noch melodiöser als der Gesang der Goldamsel, die Triller waren klarer als die der Drossel, und die Tonfolgen waren überschwänglicher als die der Lerche, die in die Lüfte steigt bei ihrem Jubelkonzert.
 
Wenn das Flötenspiel ertönte, flogen die Vögel nicht mehr, sondern setzten sich auf Zweige und Zäune, um zu lauschen, und die Bauern ruhten aus von ihrer Feldarbeit. Beim Klang seiner Musik lächelten die alten Männer und erinnerten sich wieder ihrer Jugendzeit, während die Kin­der vor Freude tanzten und tollten.
 
Wegen des Zaubers seiner Musik glaubten die Leute, er habe etwas Überirdisches an sich und nannten ihn den Himmlischen Flötenspieler.
 
Eines Tages gab der Drachenkönig des Südlichen Sees ein Festessen, zu dem er eine große Anzahl Unsterbliche einlud.
 
Der König war mit dem Drachengewand bekleidet und trug Jadegürtel, die Gäste waren ebenfalls in auserlesene und kostbare Gewänder gehüllt. So saßen sie fröhlich zusammen und feierten.
 
Es traf sich, dass gerade zu dieser Zeit der Himmlische Flötenspieler das Ufer des Sees erreichte, nachdem er zehn Tage und Nächte gewandert war. Er warf sein Fischnetz in den stillen See, setzte sich auf das Steinufer und begann, auf seiner Bambusflöte zu spielen.
 
Gerade als der Drachenkönig seinen Becher hob, um den Unsterblichen zuzutrinken, hörte er die Töne dieser bezaubernden Musik. Die Gäste waren dadurch so verzückt, dass die Jadebecher ihren Fingern entglitten und zu Boden fielen. Die ganze Festlichkeit verblasste vor diesem wundersamen Spiel. Der Himmlische Flötenspieler wusste nicht, dass Unsterbliche ihm lauschten. Die Unsterblichen waren ihrerseits überzeugt, dass der Flötenspieler einer der ihren sei, der vom Himmel herabgestiegen sein müsste.
 
Der Drachenkönig selbst war so entzückt von der schönen Musik, dass er den Flötenspieler einladen wollte, seinen Sohn zu unterrichten. Er spürte die Quelle der Musik bald auf und fand schließlich den Mann am Ufer. Der Himmlische Flötenspieler stimmte zu, seinen Sohn zu unterrichten; er zog sein Netz ein, steckte die Bambusflöte in seinen Gürtel und ging mit dem Drachenkönig zu dessen Palast. Bald bekam er Heimweh. Die Zeit schien stillzustehen, ein Tag war für ihn wie ein Jahr. Am Ende von drei Jahren hatte der Sohn des Drachenkönigs endlich gelernt, die Flöte zu spielen, und der Himmlische Flötenspieler bat den König, ihn heimkehren zu lassen. Der Drachenkönig war sehr erfreut, dass sein Sohn das Flötenspiel erlernt hatte und entschied, den Lehrer mit einem ansehnlichen Geschenk zu belohnen. Er befahl seinem Sohn, seinen Lehrer in die Schatzkammer zu führen, damit er sich zwei wertvolle Stücke auswählen könne.
 
Der Himmlische Flötenspieler und sein Schüler betraten das große, weitläufige Gebäude, in dem all die Schätze des Königs aufbewahrt wurden. Die Kostbarkeiten gingen in die Hunderte, Ja in die Tausende.
 
Auf einem Bord glitzerten in blendendem Gefunkel erlesene, schwere Edelsteine: rote, grüne, gelbe, blaue und violette.
 
Auf einem anderen Bord blitzten gewichtige Goldbarren. Bambuskörbe in allen Größen hingen an den Wänden, und in einem Schrank lagen Schilf‑Regenmäntel in verschiedenen Längen. Der Himmlische Flötenspieler ging überall umher und machte schließlich vor den Bambuskörben halt. Er überlegte: wenn ich einen davon nehme, dann habe ich etwas, indem ich die gefangenen Fische und Garnelen tragen kann. So nahm er einen mittelgroßen Bambuskorb von der Wand und befestigte ihn an seinem Gürtel.
 
Dann schritt er etwas weiter und hielt inne bei einem Schrank mit Regenumhängen. Er dachte, wenn ich einen von diesen nehme, dann kann ich auch bei Regen fischen gehen. Mit diesem Gedanken nahm er einen mittelgroßen Schilf‑Regenumhang aus dem Schrank und warf ihn über die Schulter. Nachdem er seine Wahl getroffen hatte, führte ihn der Sohn des Drachenkönigs aus der Schatzkammer.
 
»Warum wählst du solch alltägliche Dinge, und nicht kostbare Steine, Gold oder Silber? « fragte der Junge.
 
»Gold und Silber sind nicht die nützlichsten Dinge«, erwiderte der Himmlische Flötenspieler mit einem Lächeln, »nach einer gewissen Zeit würden einem auch diese Dinge einmal durch Tausch oder Verkauf aus den Händen gleiten und nicht mehr gehören. Aber jetzt, da ich diesen Korb und diesen Umhang habe, kann ich jeden Tag fischen gehen und werde nie verhungern.«
 
Als er zu Hause ankam, machte der Himmlische Flötenspieler eine Entdeckung. Zu seiner großen Überraschung waren der Korb und der Umhang keine gewöhnlichen Dinge, sondern wirkliche Schätze. Kam er hungrig und ohne Erfolg vom Fischfang zurück, so fand er stets köstliche Speisen in seinem Korb vor. So hatte er immer eine reichliche, köstlich duftende Mahlzeit auf dem Tisch. Ging er zum Fischen an den Südlichen See, oder zum Garnelenfang an den Östlichen See, so breitete sich der Schilf-Regenmantel wie ein paar Schwingen aus und trug ihn hin.
 
Nach vielen Jahren flog der Himmlische Flötenspieler einmal auf die Spitze des Fünffingerberges. Auf dem Rücken trug er seinen Bambuskorb, und um seine Schultern wehte der wundersame Schilf-Regenmantel.
 
Auf dem Berg begann er auf seiner Flöte zu spielen, und seit jenen Zeiten brachte seine Musik stets Freude und Glück zu den Menschen.
 


Der Weg zur Sonne

MärchenWirkstatt
Herausgegeben von in Märchen ·
 
Märchen aus China
 
Vor langer Zeit herrschten im Lande der Tschuang Finsternis und Kälte. Zwar wussten die Tschuang, dass es eine Sonne gibt, sie wussten auch, dass die Sonne im Osten aufgeht, doch niemand hatte die Sonne gesehen. Der Himmel war schwarz. Ein grausiges Leben war es. Die Menschen waren unsicher und wurden schlecht. Die wilden Tiere gingen um, und es war immer kalt. Das Leben war traurig.
 
Eines Tages waren die Weisen der Tschuang zusammengekommen. Da sagte einer: „Wagen wir es doch, schicken wir einen Boten zur Sonne, einen Boten, der die Sonne bittet, auch uns zu bescheinen!“ Die umstehenden Tschuang jubelten und klatschten. Da trat ein Mann in den Kreis der Weisen. „Schickt mich zur Sonne. Seht, ich bin schon sechzig Jahre alt und kann nicht mehr viel tun auf dem Feld. Gehen kann ich noch. Schickt mich!“ Die Weisen staunten.
 
Schon trat der nächste in den Kreis: „Geh, Alter, ich laufe noch einhundertsechzig Li am Tage. Ich bin schnell zurück. Schickt mich!“
 
Das hatten die Männer nicht erwartet. Nun drängten noch zwei junge Männer in den Kreis: „Geht, ihr Alten, wir sind schneller hin und zurück. Schickt uns zur Sonne!“ Die Weisen verständigten sich. Sie merkten nicht, dass ein Junge in den Kreis trat. Neun Jahre mochte er alt sein. Endlich wurden sie aufmerksam. „Denkt ihr, die Sonne ist nur vierzig oder fünfzig Jahre entfernt? Nein, die Sonne ist neunzig Jahre entfernt. Ich bin noch jung, ich kann die Sonne erreichen. Schickt mich!“
 
Mit offenem Mund schauten die Alten das Kind an. Sie nickten sich zu: „Er ist jung, er ist klug, er ist kräftig.“ Sie überlegten.
 
Da trat eine junge Frau in den Kreis. Sie hieß Malo. Zwanzig Jahre mochte sie alt sein. „Das Kind hat recht, die Sonne ist mehr als neunzig Jahre entfernt, und ein Neunzigjähriger kann nicht mehr gut laufen. Schickt mich zur Sonne. Ich fürchte mich nicht vor den wilden Tieren und den Schlangen. Ich kann gehen, und ich sage euch, ich halte durch, was auch kommen mag. Ja, schickt mich!“ Da ist es still, und alle starren die junge Frau an. Sie lächelt. „Ich bekomme ein Kind. Wenn ich nicht mehr weiter kann, wird dieses Kind die Sonne erreichen. Es wird sich vor ihr auf die Knie werfen und sie anflehen, unserem Volk Wärme und Licht zu senden. Schickt mich!“ Da haben die Weisen die Köpfe zusammengesteckt, haben sich beraten.
 
Sie haben Malo gewählt. „Geh du für uns alle zur Sonne und bitte sie, uns zu bescheinen. Und denke daran, wenn du ankommst, mach ein Feuer, ein Feuer, damit der ganze Himmel rot wird. Alle Tschuang sollen wissen, dass du angekommen bist.“ Malo geht, viele begleiten sie in den ersten Tagen. Es ist ein harter Weg für die junge Frau. Nach acht Monaten bringt sie ihr Kind zur Welt, einen Sohn. Sie muss ihn tragen. Dann trippelt er neben ihr her, und endlich gehen die beiden miteinander immer nach Osten. Über wie viele Berge müssen sie steigen, durch wie viele Täler hindurch! Durch Bäche und Sümpfe waten sie. Die Menschen geben ihnen zu essen, sie flechten ihnen neue Schuhe, sie geben ihnen einen Kittel, geleiten sie über die höchsten Bergspitzen. Sie setzen sie über die großen Flüsse nach Osten.
 
Nach siebzig Jahren kann sich Malo nicht mehr weiterschleppen. Sie ist am Ende ihrer Kraft. „Mein Kind, mein Sohn, nun geh du, wirf dich auf die Knie vor der Sonne und bitte sie, dass sie unserem Volk Licht und Wärme sendet. Und vergiss nicht, hörst du, mach ein Feuer, ein großes Feuer, dass der ganze Himmel rot wird, alle sollen sich freuen, dass du angekommen bist!“ Er geht und geht immer weiter nach Osten.
 
Im Land der Tschuang werden Wachen aufgestellt. Sie wollen das Rot am Himmel morgens nicht verpassen. Aber der Himmel ist nicht rot geworden. Schwarz ist er wie immer. Die Menschen werden schlechter, die Tiere wilder. Ein schauriges Leben ist es. Vor allen Dingen aber haben die Tschuang keine Hoffnung mehr. „Malo ist umgekommen. Für uns gibt es kein Licht, keine Wärme.“ So sprechen sie täglich. Hoffnungslos sind sie.
 
Da, eines Morgens schlagen die Wächter auf die Trommel. Die Tschuang stürzen aus den Hütten und schauen gen Osten. Ein roter Streifen ist zu sehen, und ehe sie es begreifen, ist der ganze Himmel dunkelrot. Stumm staunen sie mit offenem Mund. Und schon verschwindet das Rot, und der helle Himmel kommt zum Vorschein. Noch nie haben sie einen hellen Himmel gesehen. Die Tränen laufen ihnen herunter. Sie können nur flüstern: „Malo ist zur Sonne gekommen!“
 
Dann aber steigt ganz langsam der große goldene Ball der Sonne am Himmel auf. Atemlos schauen die Menschen zu. Dann fallen sie sich um den Hals. Sie weinen, und sie lachen. „Malo ist zur Sonne gekommen!“ Sie spüren die Wärme, sie halten die Hände vor die Augen und jubeln.
 
Seitdem ist es ein gutes Leben im Land der Tschuang. Die Menschen leben im Licht, sie leben in der Wärme. Die Bauern gehen ganz früh auf die Felder, immer wollen sie die Sonne heraufkommen sehen. Sie kehren erst heim, wenn die Sonne verschwunden ist. Immer denken sie an Malo und ihr Kind, an die beiden, die für sie alle den harten Weg zur Sonne gegangen sind, die ihnen ein Leben in der Wärme und im Licht geschenkt haben. Weil sie diese beiden nicht vergessen haben, scheint noch heute die Sonne im Land der Tschuang.
 
 
Quelle: Gertrud Hempel erzählt Volksmärchen. Frankfurt am Main: Wilfried Nold.
 
1999. S. 118-120.
 
[Newsletter 2013-3, 17.12. 2013]


Als der alte Mann von der Großen Mauer sein Pferd verlor

MärchenWirkstatt
Herausgegeben von in Märchen ·
 
Märchen aus China
Vor sehr langer Zeit lebte einmal ein alter Mann ganz in der Nähe der Großen Mauer. Er war ein einfacher Bauer und besaß ein Pferd. Dieses Pferd war sehr wertvoll für ihn. Nun lief sein Pferd eines Tages davon.
Das Pferd war in das Land der Barbaren gelaufen und es gelang dem alten Mann nicht es wieder einzufangen. Alle seine Nachbarn kamen und bedauerten ihn. Immer wieder riefen sie: „Was für ein Unglück! Wie schrecklich!“ Alle waren schrecklich aufgeregt und betrübt.
Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Der alte Mann wiegte den Kopf hin und her und sagte zur Überraschung aller Nachbarn: „So wie ich die Sache sehe, lässt sich doch jetzt noch gar nicht sagen, ob es ein Unglück oder nicht ist. Wer weiß, vielleicht ist es gar nicht so schlecht!“
Etliche Monate später kam das Pferd plötzlich zu dem alten Mann zurück. Doch es war nicht allein – nein! Es brachte noch eine ganze Herde von Wildpferden mit sich. Diese Pferde waren sehr wertvoll, da sie als sehr schnell und wendig galten.
Wieder kamen alle Nachbarn, doch diesmal beglückwünschten sie ihn. „Was für ein großes Glück, nun bist du reich! Wie wundervoll!“ Doch auch dieses Mal war der alte Mann sehr vorsichtig und meinte: „Man weiß nicht, wie es am Ende ausgehen wird. Man kann noch nicht sagen, ob es ein Glück oder ein Unglück bedeutet.“
Leider behielt der alte Mann Recht. Eines Tages wollte sein Sohn eines der Wildpferde einreiten. Doch das Pferd scheute und der Sohn fiel vom Pferd, dabei brach er sich das Bein.
Natürlich kamen wieder alle Nachbarn und bedauerten den alten Mann und seinen Sohn. „Welch ein schreckliches Unglück! Was soll denn jetzt werden!“ Doch der alte Mann sagte zu ihnen: „Macht euch keine Sorgen um uns. Im Augenblick sieht es wie ein Unglück aus, aber wer weiß wozu es gut ist, dass sich mein Sohn das Bei gebrochen hat.
Ein Jahr später griffen plötzlich die Barbaren an und durchbrachen die Große Mauer. Alle jungen Männer aus der Gegend wurden in den Krieg einberufen und die meisten wurden dabei getötet.
Doch der Sohn des alten Mannes wurde nicht einberufen, da sein Bein immer noch nicht wieder gut war. Er konnte bei seinem Vater bleiben und ihm helfen.
Dies ist das Ende der Geschichte und wir lernen daraus, dass wir vorsichtig sein sollten mit unseren Äußerungen, ob etwas Glück oder Unglück bedeutet. Aus einem augenscheinlichen Glücksfall kann ein Unglück entstehen, aber auf der anderen Seite kann ein vermeintliches Unglück auch ein großes Glück verbergen.
 


Ananse, die kluge Spinne, und die Antilope

MärchenWirkstatt
Herausgegeben von in Märchen ·
Märchen aus Ghana
Es war einmal ein Unglückstag, an dem ein Feuer in der Savanne wütete. Sämtliche Tiere liefen hektisch herum. Einige waren bereits vom Feuer eingekreist, der Tod schien ihnen gewiss. Eine Antilope, die beinahe jede Hoffnung verloren hatte, einen Fluchtweg zu finden, vernahm plötzlich eine leise Stimme: „Lasse mich bitte in Deinem Ohr sitzen, damit wir gemeinsam von hier fliehen können.“. Es war die Stimme von Ananse, der Spinne, die nicht erst abwartete, dass die Antilope sie aufforderte, sondern sogleich von dem Zweig ins Ohr der Antilope hüpfte. Jedoch hatte die Antilope keine Ahnung, welchen Weg sie wählen sollte, doch Ananse kannte ihn.
Das Feuer schien übermächtig, doch die Spinne leitete die Antilope zuversichtlich an: „Jetzt nach links, jetzt gerade und dann direkt....“ bis die Antilope mit schnellen Beinen über Bäche, Flüsse und Sümpfe sich und die Spinne Ananse in Sicherheit gebracht hatte.
Als sie das Feuer weit hinter sich gelassen hatten, lief die Spinne am Bein der Antilope entlang auf den Boden und sagte: „Vielen Dank für Deine Freundlichkeit. Wir werden uns eines Tages wiedersehen.“
Kurz darauf brachte die Antilope ein Junges zur Welt, das sich zum Schutz in den ersten Lebenswochen zumeist im dichten Gebüsch verbarg, während die Mutter auf der Weide graste.
Später sah man Mutter und Kind beide grasen. Es begab sich an einem Unglückstag, als zwei Jäger kamen und die Antilopenmutter erblickten. Während sich das Junge im Gebüsch zusammenkauerte, sprang die Antilopenmutter hoch, um die Aufmerksamkeit der Jäger auf sich zu ziehen. Dann verschwand sie und blieb außerhalb der Reichweite der Jagdpfeile.
Nach einer Stunde gaben die Jäger die Verfolgung auf und wollten nun zur jungen Antilope zurück. Aber ihre Suche war vergeblich und sie mussten letztlich den Wald mit leeren Händen verlassen. Lange Zeit später kehrte auch die Mutter zurück; doch auch sie konnte ihr Junges nicht finden. Nach dem sie beinahe eine Ewigkeit gesucht hatte, vernahm sie ein ihr sehr vertraute Stimme, die nach ihr rief. Es war die Spinne Ananse, die sie in ein Dickicht führte, welches von einem dichten Spinnennetz umhüllt war. Und darunter lag fast unsichtbar und völlig geborgen die kleine Antilope. Ananse war fleißig beschäftigt gewesen, das Gebüsch, in dem sich das Junge verstickt hielt, mit einem Spinnennetz zu umweben, so dass die Jäger es übersehen hatten.


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